O Zeit, halt ein im Flug

Zwischen Gestern und Morgen liegt der Schatz der Kinder

Wie ein Kleinkind die Zeit wahrnimmt, ist ein Wunder. Für meinen Sohn zählt nur die Gegenwart und nicht mal die nächste Minute ist wichtig. Auch die Perspektive seines Geburtstages interessiert ihn kaum. „Ist heute mein Geburtstag?“, fragt er  zwar jeden Tag. Aber wenn er nicht heute ist, dann fragt er nicht mehr … Bis zum nächsten Morgen. Er denkt aber an gestern genau so wenig wie an morgen. Seine Fähigkeit, Unannehmlichkeiten rasch zu vergessen, finde ich beneidenswert. Während eine ganze Tafel Schokolade bei mir kaum genügt, meine Sorgen zu beruhigen, hat bei ihm ein Gummibärchen eine sofortige Trostwirkung.

Während ich tagelang grübele, wenn mich irgendetwas oder irgendjemand geärgert oder frustriert hat, nimmt er dagegen seine Strafen höchstens zwei Minuten wahr, bis er vergessen hat, wofür er gestraft wurde und fröhlich weiterlebt. Und so ist jede Stunde, knapp zwischen guten Erfahrungen und der nächsten Vorfreude, ein Schatz. Wie Momo von Michael Ende, verwandelt mein Kind den Alltag in Gold.

Wenn Kinder die Zauberer der Zeit sind, möchte ich ihr Lehrling sein

Ich beneide meinen Sohn ein bisschen. Der Moment, den Kinder so wunderbar greifen können, fließt mir leider zwischen den Fingern wie ein kostbarer Duft, den der Wind wegweht. Ich bewundere, wie meine Kinder in der Gegenwart, sogar MIT der Gegenwart, spielen. Es gab eine Zeit, als auch ich ein Kind war, und auch ich hatte die Gabe, die wertvolle Gegenwart berühren zu können. Für mich ist es nun ein Teil des Erwachsenseins, in dem Wirbelwind der Stunden und Tage zu treiben. Erwachsen werden bedeutet, einige Talente hinter sich zu lassen. Seit ich Mutter bin, vertieft sich der Riss zwischen dem ehrlichen Wunsch, die Gegenwart anzufassen, und meiner Unfähigkeit, den Strom der Stunden und der Tage zu bremsen. Doch diese Sehnsucht, die Zeit zu stoppen, ist ein hartnäckiges Gefühl. Oft tanzen noch die wunderschönen Wörter des französischen Dichters Lamartine in meinem Kopf. Ein Ruf, eine Bitte oder ein Gebet, mal wieder den Moment voll genießen zu können. Der Wunsch, wieder ein Kind sein zu können, ohne Gedanken an Gestern und Morgen:

O Zeit! Halte ein im Flug, und Ihr, glückliche Stunden,
Haltet inne in Eurem Lauf:
Laßt uns die flüchtigen Freuden
Unserer schönsten Tage genießen.

 

Diesen Aufruf, den nur ein Erwachsener schreiben konnte, kann nur ein Erwachsener verstehen. Kinder würden schon bei dem zweiten Wort sich fragen, warum man überhaupt die Zeit anspricht. Schon bei dem dritten Wort würden sie lachen und denken: „so ein Unsinn“. Ich dagegen bin fast zu Tränen gerührt, wenn ich dieses Gedicht lese. Die deutsche Übersetzung des gesamten Gedichtes findet ihr auf der Seite von http://www.poemswithoutfrontiers.com

Christine

Mama von drei kleinen schlauen Kindern.

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